Pressespiegel:
26. August 2010
DGB-Mann unter Managern
Haller Kreisblatt, 26.08.2010
Versmold. Es klingt eigentlich nach einem brisanten Szenario: Ein langjähriger Gewerkschafter besucht ein Unternehmen, in dem es erst vor einigen Monaten Warnstreiks gab. Das Gastspiel des nordrhein- westfälischen Arbeitsministers Guntram Schneider (SPD) beim heimischen Fleischwarenhersteller Nölke war allerdings vielmehr von betonter Harmonie und gegenseitigem Verständnis geprägt. Auch oder gerade, wenn es um die Themen Lohn und Arbeitsverhältnisse ging.
Zunächst standen beim offiziellen Empfang mit der Nölke-Geschäftsführung, den Gesellschaftern, Bürgermeister Thorsten Klute, Georg Fortmeier (SPD Landtagsabgeordneter) und dem Betriebsratsvorsitzenden Jürgen von Stürmer die üblichen Respektsbezeugungen eines politischen Gastes auf dem Programm: „Es ist toll, auf welch hohem technischen Niveau hier hochwertige Produkte hergestellt werden“, sagte Schneider, der sich auch von der geplanten 50-Millionen-Investition Nölkes in ein neues Rohwurstwerk an der Ziegeleistraße beeindruckt zeigte: „Das ist keine Selbstverständlichkeit, die Nähe zum Standort so zu pflegen. Hier wird der Produktivitätsfortschritt in Wachstum umgesetzt.“ Und der Gewerkschafter meinte bei seiner Betriebsbesichtigung zudem einen besonderen Geist verspürt zu haben: „Man merkt, dass man sich hier in einem Familienunternehmen bewegt. Es gibt einen
emotionalen Bezug zum Arbeitgeber.“ Ein Betrieb sei eben nicht nur ein ökonomisches Verfahren, sondern auch ein Sozialkörper, so Schneider. „Und hier stimmen die Beziehungen.“
Doch auch in jenen Fragen, bei denen es zwischen Unternehmern und den Vertretern der Arbeitnehmerseite traditionell knistert, hatte der Minister und vorherige NRW-Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) nur Lob für den Fleischwarenhersteller parat: „Nölke ist ein Leuchtturm in der Branche“, sagte Schneider. Und konnte sich einen kleinen Seitenhieb auf den Fleischriesen Tönnies nicht verkneifen: „Da gibt es ein Unternehmen, das dem Sport sehr verbunden ist, bei dem es ganz anders aussieht.“
„Wir müssen etwas gegen das Sub-Sub-System tun“ Bei Nölke werde ordentlich nach Tarif gezahlt, betonte der Minister. An ausschließlich hauseigene Kräfte, wie Versmolds Bürgermeister Thorsten Klute ergänzte: „Es sind nur Nölke- Mitarbeiter, die in Produktion und Verpackung eingesetzt werden, keine Leiharbeitskräfte.“ Die vom Unternehmen zuletzt als Nölke-Weg bezeichnete Praxis entschärfte in den Gesprächen auch das von Schneider zuletzt politisch forcierte Thema Mindestlohn: „Bei seiner Einführung würde sich für diesen Betrieb doch überhaupt nichts ändern“, so der Minister. Doch gehe es beim Mindestlohn eben generell darum, „gute Arbeit“ zu schaffen.
„Wir müssen auch etwas gegen das Sub-Sub-System tun, das sich in der Fleischwarenindustrie entwickelt hat“, sagte Schneider in Anspielung auf das komplizierte Geflecht von Auftragsbeziehungen und ausgelagerten Bereichen, das bei verschiedenen Betrieben dazu dienen solle, die Arbeitskosten zu drücken.
„Hier hoffen wir, dass die Landesregierung etwas für die Chancengleichheit tut“, formulierte Nölke-Geschäftsführer Martin Osterhues einen Auftrag an die Politik. Er wollte allerdings nicht so weit gehen, als Manager für den Mindestlohn zu plädieren: „Es ist nicht unsere Aufgabe, hier für das eine oder andere Modell Position zu beziehen. Die Politik ist angehalten, angemessene Rahmenbedingungen zu schaffen.“ Bei der Investition in den Standort Versmold erhofft sich Nölke ebenfalls Unterstützung von der Landesregierung: „Wir werden gemeinsam schauen, welche Fördermöglichkeiten es für ein Großprojekt wie den Bau unseres Rohwurstwerkes gibt“, so Osterhues abschließend.